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Teil 1

Mein Tag als
Quereinsteiger in der Pflege

Es ist 6:30 Uhr morgens. Die erstarkende Sonne vertreibt die feuchte Kühle aus der kleinen Stadtvilla der 1930er Jahre an der Seebadstraße in Rangsdorf. Hier bin ich verabredet mit Nadine Ziemann. Sie ist Pflegefachkraft in der hier ansässigen Sozialstation des ASB Mittel-Brandenburg. Während ich auf der knarzigen alten Holztreppe auf Nadine warte, steigt Nervosität in mir auf. Ob das so eine gute Idee war? Denn heute ist mein erster Tag in der Pflege. Eigentlich bin ich Pressereferentin beim ASB Mittel-Brandenburg. Doch um anderen zu zeigen, dass der Pflegeberuf doch ganz toll sein kann, muss ich selber ins kalte Wasser springen. Denn nur wenige junge Menschen machen nach der Schule noch eine Ausbildung und noch weniger eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Im Jahr 2021 kamen 511.000 offene Berufsausbildungsstellen auf 434.000 Bewerber. Doch in der Pflege potenziert sich dieser Ausbildungstrend zusammen mit dem demografischen Wandel zu einer explosiven Mischung: Der Pflegereport der Bertelsmann Stiftung prognostiziert, dass bei dem steigenden Pflegebedarf bereits 2030 über 500.000 Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen werden. Das System trägt sich mittlerweile von Quereinsteigern, die mit einer ganz anderen Arbeitsbiografie in die Pflege gewechselt sind. So auch ich heute. Und so auch Nadine.

Wo ist das Auto?

Nadine ist eine schlanke, mittelgroße Frau Mitte Dreißig. Ihr fast hüftlanges braunes Jahr hat sie zu einem schlichten Zopf nach hinten gebunden. In Eile huscht sie wortlos die Treppe an mir vorbei und schließt die Büros auf. „Sie können ruhig reinkommen!“, hallt es aus einem der Büroräume zu mir auf die Treppe hinaus, auf der ich mittlerweile Wurzeln geschlagen habe. Aus einer Schute zieht Nadine ihre Tour raus, die sie extra für mich heute deutlich abgespeckt hat. Üblicherweise stehen dort 20 bis 30 Namen darauf. Schon fühle ich mich etwas schuldig, sie auszubremsen. In einem kleinen Körbchen werden alle notwendigen Dinge für die Tour eingepackt: Die Tasche zum Dienstauto mit den Papieren, Handschuhe, Masken, Überzieher für die Schuhe, eine Wasserflasche und ein großer Metallring, an welchem nacheinander aus einem Safe alle Wohnungsschlüssel der Kunden aufgefädelt werden. „Ist das üblich?“, frage ich Nadine etwas nervös, dass wir uns theoretisch jederzeit Zutritt zu fremden Wohnungen verschaffen könnten. „Ja.“ Doch sie sieht meinen zweifelnden Blick und holt weiter aus: „Viele können nicht mehr selbstständig zur Tür gehen oder brauchen dafür sehr viel Zeit. In solchen Fällen lassen wir uns nach Rücksprache selber in die Wohnung rein.“ Ich bin mir unschlüssig, ob diese Info tatsächlich beruhigend auf mich wirken sollte oder als kleine Vorwarnung galt. Wahrscheinlich war es nur eine Erklärung wie jede andere – doch auch perfektes Futter für meine Nervosität. Nadine erklärt mir ihre kurze „Einsteiger-Tour“. Wir hätten heute nur vier Kunden zu besuchen und damit ausreichend Zeit für Fragen, Fotoshooting und was sonst noch so bei einer solchen Reportage anstünde. Vier Kunden? Das kann ich schaffen. Und eigentlich ist es ja eine Reportage, das heißt hier bin ich in meinem Element und wahrscheinlich mein Gegenüber aufgeregt und unsicher. Doch anzumerken ist dieser gestandenen Pflegefachfrau das nicht. Es geht los. Doch wo ist der Dienstwagen? Auf dem kleinen Parkplatz der Villa, in der auch eine Tagespflege untergebracht ist, stehen zwar viele Autos des ASB Mittel-Brandenburg, allerdings nicht das richtige. Wir gehen ums Eck. Unweit der Villa, auf einem großen Acker, hat der Bauer an der Feldgrenze den Grünsteifen gemäht und somit einen Ausweichparkplatz für die Anwohner geschaffen. Dort steht unser Auto, ein kleiner weißer rundgelutschter VW UP mit den Logos des Wohlfahrtsverbandes. Auf der Rückbank reihen sich angebrochene Packungen an Nitrilhandschuhen in unterschiedlichen Größen, Packungen an Einwegmasken und sonstigen Utensilien, die man brauchen könnte. Nadine klemmt sich hinter das Steuer und lässt den Motor an…

Guten Morgen Frau F.

Keine drei Minuten später biegen wir schon in eine kleine Plattenbausiedlung ein und stellen das Auto ab. Wir laufen zielstrebig auf einen der Fünfgeschosser zu. Dieser Wendebau wartet sicherlich bereits seit über zehn Jahren vergebens auf seine dringend benötigte Sanierung. Keine Fahrstühle, der Putz bröckelt langsam von der Fassade und links und rechts springt einem altes Kittwerk oder andere Verfärbungen von früheren Wasser- oder Brandschäden entgegen. „Als erstes gehen wir zu Frau F. Sie hat mittelschwere Demenz“, klärt mich Frau Ziemann auf. Während ich noch rätsle, was genau das nun für unseren Besuch bedeuten könnte, stehen wir auch schon vor ihrer Wohnung im dritten Obergeschoss. Nadine klingelt an der Tür und schließt ohne zu warten die Wohnungstür zügig auf. „Frau F. schläft bestimmt noch“, mutmaßt sie und huscht rechts in die erste Tür ins Schlafzimmer. „Guten Morgen Frau F. Ich bin es, Schwester Nadine! Wie haben Sie geschlafen?“ Frau F.: „Wer sind Sie?“ „Schwester Nadine. Ich komme jeden Tag hierher für Körperpflege und Frühstück. Werden Sie erstmal in Ruhe wach, ich mache in der Zeit das Frühstück!“ Nadine schlüpft aus dem Schlafzimmer und geht in die Küche gegenüber der Eingangstür, wo ich immer noch stehe. Ich traue mich einen Schritt weiter in den Flur rein. Durch den Flurspiegel hinweg erhasche ich einen Blick ins Schlafzimmer, wo mich zwei noch müde aber sehr neugierige stahlblaue Augen beobachten. Unschlüssig, ob die Spiegelung vom Schlafzimmer aus den zweiten Besucher offenbart hat und ich mich vorstellen sollte, gehe ich einen Schritt auf die Küche und Nadine zu. Überall kleben große Zettel für die Pflegekräfte mit Anweisungen zum Lüften, Licht anschalten oder den Lieblingsspeisen der Patientin. Schnell erfahre ich, dass Frau F. ein Leckermäulchen ist und nicht mehr abbeißen kann. Also bereitet Nadine ihr ein Marmeladentoast vor, welches in kleine Stücke geschnitten wird. Dazu ein Glas grüne Fassbrause und eine Tasse frisch aufgebrühten Tee – natürlich gesüßt. Frühstück ist damit fertig, fehlt nur noch Frau F.

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