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Teil 4

Mein Tag als
Quereinsteiger in der Pflege

Auf der Suche nach dem Sinn

Zurück in der Sozialstation überlege ich, wie viele Großmütter und Großväter ich adoptieren kann und wie ich meiner Chefin erkläre, dass ich meinen Bürojob gegen einen in der ambulanten Pflege eintauschen möchte. Der Raum füllt sich mit Kolleginnen, die den ersten Teil ihrer Tour geschafft haben, etwas essen und trinken, bevor sie weiter fahren. Zwischen ihnen wirke ich wie ein Fremdkörper. Doch sie sind neugierig. Sie wissen nur, dass ich Nadine begleite. Das warum ist allerdings nicht bis zu ihnen durchgedrungen. Aus mir sprudeln die neuen Erfahrungen nur so raus und ich höre mich wiederholen, welche Dankbarkeit, Wärme und Freundlichkeit mir begegnet sei. Mir gegenüber hat sich Antje niedergelassen. Während sie in ihre Stulle beißt, hört sie mir aufmerksam zu. Antje ist eine gestandene Frau um die 50, der beruflich alles zuzutrauen wäre. Hätte ich sie auf dem Bau zwischen Dachdeckern, Maurern und Fliesenlegern angetroffen, hätte sie genauso authentisch ins Bild gepasst wie im Supermarkt an der Kasse oder in der Schule vor dreißig Grundschülern: durchsetzungsstark, direkt und mitten im Leben. Doch als ich von meinen Erfahrungen als Neuling in der Pflege berichte, hellt sich ihre Miene auf: Das sei es, was der Pflegeberuf so besonders mache. Es sei nicht nur der sinnerfüllte Beruf, sondern diese Herzlichkeit und enge Bezug. Dadurch würde die tägliche Arbeit nicht nur leichter fallen, sondern einen auch zufrieden machen. Am Ende des Tages wisse man immer, dass er nicht umsonst gewesen sei. Dass man vielen Menschen geholfen habe, ein gutes Leben zu führen und manchmal schlichtweg das einzige Highlight und der einzige menschliche Bezug für sie an diesem Tag war. Und Antje muss es wissen. Mein erster Eindruck sollte mich nicht getäuscht haben: Antje hat vor der Pflege schon etliche Berufe ausgeübt – ob Handys zusammenschrauben oder im Einzelhandel verkaufen. Schlussendlich führte sie die Suche nach einer mehr sinnstiftenden Arbeit in die Pflege. Und hier will sie auch bleiben. Zu uns gesellt sich Nadine, die zwischenzeitlich die Ärzte ihrer Schützlinge über Rückenschmerzen, Husten oder gereizte Kathederzugänge informiert und Berichte geschrieben hatte. Wie kam sie in die Pflege?

Nadines Weg

Nadine wollte nach der Schule einen kreativen Beruf erlernen. Also fing sie eine Ausbildung als Floristin an. Doch sie hatte Pech mit ihrem Ausbildungsbetrieb und brach kurz danach ihre Ausbildung ab. Dann folgte eine Ausbildung als gestaltungstechnische Assistentin, die sie erfolgreich abschloss. Gerne wäre sie hier auch geblieben. Doch die Zeiten waren damals noch andere. Ein unbezahltes Praktikum folgte auf das nächste – Übernahmegarantie? Fehlanzeige! Mit Praktika wurde man als billige Arbeitskraft mit Aussicht auf spätere Übernahme in die Agenturen gelockt und nach einem halben Jahr, sobald man anfing zu kosten, wieder vor die Tür gesetzt. Dieses Schicksal teilt Nadine mit vielen, die Anfang der 2000er Jahre in die Medien- oder Kreativbranche gegangen sind. Doch als Mutter zweier Kinder konnte und durfte es so nicht weiter gehen. Ihre Oma brachte Nadine schließlich auf die Idee, in die Pflege zu gehen. Nadines Oma war bereits selbst auf Pflege angewiesen. Diese Aufgabe teilte sich Nadine mit ihrer Familie und der ambulanten Pflege des ASB Mittel-Brandenburg. Nicht nur zeigte sich, wie wichtig der Pflegeberuf im Allgemeinen für das Leben und den Alltag ihrer Oma und der Familie geworden war, sondern in der Fürsorge für ihre Oma erkannte Nadine, dass der Beruf selbst eine Option für sie sein könnte. „Warum machst du das nicht auch? Hier wird man immer gebraucht“, ermunterte die Oma ihre Enkelin. Also bewarb sich Nadine beim ASB Mittel-Brandenburg als Quereinsteiger in der Seniorenresidenz in Rangsdorf. Nicht nur das Team, sondern auch die Arbeit ließen sie endlich beruflich ankommen. Ermutigt durch Kollegen und die Einrichtungsleitung startete Nadine wenige Monate später ihre Ausbildung als Pflegefachkraft. Einen Teil der praktischen Ausbildung absolvierte sie in der Sozialstation. Der enge Bezug zu ihren Schützlingen, das Team und das hohe Maß an Selbstständigkeit gefielen ihr so sehr, dass sie nach Abschluss ihrer Ausbildung hierhin wechselte.

Wie viele den Quereinstieg in die Pflege wagen, wird bundesweit nicht erfasst. Lediglich über beantragte Weiterbildungen führt die Bundesagentur für Arbeit Statistiken. Demnach waren es 2019 9.700 Menschen, die sich zur Pflegekraft umschulen ließen. Doch die „Dunkelziffer“ liegt deutlich darüber, durch Aus- und Weiterbildungen, die nicht über die Bundesagentur für Arbeit laufen sowie Quereinsteiger, die als sogenannte ungelernte Hilfskräfte in der Pflege arbeiten.

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